BETO Wideboard 1310x212px Dokumedia

Raumlandschaften

Pritzker Prize 2010 für SANAA

fo_1002_raumlandschaften
Das japanische Architektenduo Ka- zuyo Sejima und Ruye Nishizawa erhält in diesem Jahr den Pritzker Prize, den weltweit wichtigsten Architekturpreis. Die beiden Partner des Büros SANAA, die Abkürzung steht für „Sejima and Nishizawa and Associates", sind bekannt für ihre transparenten, eleganten, puristischen und unprätentiösen Bauten, die oft entmaterialisiert wirken, auf das Wesentliche reduziert sind und dabei dennoch eine faszinierende Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit besitzen. Oder wie es die Jury ausdrückte: Die Bauten des Architekturbüros SANAA seien gleichzeitig grazil und kraftvoll, präzise und fließend, genial und raffiniert aber nicht aufdringlich. Zudem hätten es die Architekten geschafft, eine ganz eigenständige architektonische Sprache zu entwickeln.

Sejima (1956 geboren) und Nishizawa (1966 geboren) sind verhältnismäßig junge Pritzker-Preisträger; Sejima ist zudem erst die zweite Frau, die diese Auszeichnung erhält, nach Zaha Hadid im Jahr 2004. Unbenommen dessen haben beide bereits zahlreiche vielbeachtete und preisgekrönte Bauten realisiert, zunächst vorwiegend in Japan, seit 2001 aber auch in den USA und in Europa. International bekannt wurden SANAA mit dem 2004 eröffneten Museum für zeitgenössische Kunst in Kanazawa, Ishikawa/Japan, das neben der Ausstellungsfläche frei zugängliche, städtische Angebote beherbergt. Die Architekten verteilten die Funktionen auf mehrere, unterschiedlich große Baukörper und stellten diese in ein kreisrundes, verglastes Foyergebäude. Die Zwischenräume bilden das räumlich abwechslungsreiche Erschließungsnetz aus Wegen, Plätzen und Innenhöfen. Die Stadt scheint sich ununterbrochen im Inneren fortzusetzen.
Seit der Eröffnung des Museums konnten SANAA eine Vielzahl weiterer, sehr unterschiedlicher Bauten auch in Europa und den USA realisieren: den skulpturalen Sichtbetonwürfel für die Zollverein School of Management and Design in Essen/Deutschland, das New Museum of Contemporary Art in New York/USA mit seinen versetzt übereinander gestapelten Kuben, den Glaspavillon des Toledo Kunstmuseums in Ohio/USA, der von wellenförmigen Glaswänden getragen wird oder das vor wenigen Monaten eröffnete Rolex-Learning Center in Lausanne/Schweiz, das sich in horizontalen Wellenbewegungen auf dem Campus der Hochschule ausbreitet.

Grenzenlose Übergänge

In ihren Bauten versuchen Sejima und Nishizawa stets die Begrenzungen zwischen Räumen, aber auch zwischen innen und außen aufzulösen, oder diese zumindest verschwimmen zu lassen. Transparente und transluzente Fassaden in unterschiedlichsten Ausführungen umhüllen ihre Gebäude. Ob die Glasfassaden beim Museum in Kanazawa, dem Toledo Museum, dem Rolex Learning Center oder sogar beim Wohnkomplex in Gifu/Japan, sie heben die optische Barriere zwischen der Umgebung und dem Gebäudeinneren auf. Zumindest die Verkehrsflächen, auch private Flure, sind einsehbar und der Außenraum scheint in oder stellenweise durch die Gebäude hindurch zu fließen. Verglaste Innenhöfe verstärken diesen Eindruck zusätzlich.
Wo Glasfassaden nicht möglich sind, überziehen die Architekten ihre Bauten mit einheitlichen transluzenten Hüllen, die die Konturen verwischen. Beim Ladengebäude für die Modemarke „Christian Dior" an der Tokioter Nobel-Einkaufsstraße erzielen sie diesen Effekt durch Acryl-Paneele, die in einer zweiten Ebene hinter der Glasfassade angeordnet sind, beim O-Museum Iida, in Nagano/Japan durch bedruckte Glasscheiben, hinter der sich die geschlossen und offenen Räume schemenhaft abzeichnen und den größtenteils geschlossenen Baukörper des New Museum of Contemporary Art in New York/USA, überzogen sie mit einer Haut aus Aluminiumstreckmetall, das je nach Witterung und Lichtverhältnissen das Gebäude immateriell erscheinen lässt.
Aber auch im Inneren ihrer Gebäude heben SANAA die Grenzen auf. Sie schaffen Räume, die ineinander übergehen und sich zum Teil wie Landschaften ausbreiten, wie beim Rolex-Learning Center. Das 20.000 Quadratmeter große eingeschossige Gebäude, in dem die Bibliothek der Hochschule, aber auch ein Restaurant, Ausstellungsbereiche und Büros untergebracht sind, wird allein durch seine horizontale Wellenbewegung gegliedert. Die parallel ansteigenden und sich wieder absenkenden Boden- und Deckenebenen definieren die unterschiedlichen Bereiche sowie die Verkehrsflächen, ohne trennende Wände. In einer der nächsten Ausgaben der opus C wird dieses Projekt ausführlich vorgestellt.

Anspruchsvolle Reduktion

Die Bauten von SANAA wirken trügerisch einfach, dabei sind sie das Ergebnis eines aufwändigen und intensiven Arbeitsprozesses. Ausgehend vom Raumprogramm und einer Analyse der Umgebung, werden immer wieder neue Gestaltungsmöglichkeiten durchdacht und anhand von unzähligen Zeichnungen und Modellen untersucht. Ideen werden entwickelt, verworfen, erneut überprüft und weiter verfeinert, bis der Entwurf auf seine essentiellen Aspekte und eine klare Form reduziert ist. Die Möglichkeiten des Computers spielen dabei kaum eine Rolle, Sejima und Nis- hizawa bevorzugen die Anschaulichkeit konventioneller Modelle.

Diese werden, wenn notwendig, auch im Originalmaßstab erstellt. Beispielsweise ließen die Architekten eine 200 Quadratmeter große Probe der gewellten Glas- wände des Toledo Museums als Modell anfertigen, um daran die ästhetischen Eigenschaften zu studieren. Das Ergebnis dieser engagierten Arbeitsweise, zeigt sich in den realisierten Bauten. Die Glasscheiben des Toledo Museums wurden letztendlich aus einem von allen Metallen gereinigten Glas hergestellt, wodurch ein fast ungetrübter Blick durch 19 Scheiben, von einem Ende des Gebäudes bis zum anderen, möglich ist. Die Besucher dazwischen sind deutlich zu erkennen, wirken jedoch irritierend schwebend und fern.
SANAA sind Tüftler, ihre Bauten eine geschickte Verbindung von Struktur und Organisation, von funktionierendem Gebrauchsgegenstand und präziser, schöner Gestaltung. Sejima und Nishizawa lieben das Raster, aber genauso die Freiheit, dies zu durchbrechen; ebenso lösen sie sich immer wieder von konventionellen Funktionsmustern und finden unge- wöhnliche, neue Grundrisslösungen, wie beim Museum für zeitgenössische Kunst in Kanazawa und dem Stadttheater „De Kunstlinie" in Almere/Niederlande, die Verkehrsflächen mit vielfältigen räumlichen Aufenthaltsqualitäten bieten. In Almere erhielten trotz des großflächigen Gebäudevolumens alle Arbeitsräume, ein Fenster mit Blick nach Draußen. Erzielt haben die Architekten dies durch die geschickte Verteilung von Innenhöfen. Das Museum in New York staffelten SANAA nicht wie in Manhattan üblich zurück, sondern bauten einen Turm aus sieben Kuben, die zu allen Seiten überhängen. Die so entstandenen Dachflächen nutzen SANAA um über Oberlichter Tageslicht in die Ausstellungsräume zu leiten. Beim Wohnkomplex in Gifu, ein Projekt von Sejima, sind alle Räume aneinander gereiht, um das geforderte Volumen in möglichst schlanken Baukörpern unterzubringen. Die privaten Flure liegen so einsehbar hinter der Glasfassade. Über bewegliche Elemente können die privaten Räume zu dieser Übergangszone geöffnet werden.
Auch wenn die Konstruktionen bei den Bauwerken von SANAA nicht sichtbar sind, spielen sie doch eine entscheiden- de Rolle. Ohne moderne Techniken und Verfahren, auch des Betons, wären die leichten, transparenten Bauten mit ihren schlanken, eleganten Formen, den großen Spannweiten und dünnen Dachquerschnitten nicht zu realisieren gewesen, ebenso wie das bislang einzige in Deutschland realisierte Gebäude, die Zollverein School auf dem Gelände der ehemaligen Zeche in Essen. Die einschaligen Außenwände des 35 mal 35
Mal 35 Meter großen Sichtbetonwürfels sind nur 25 Zentimeter dick. Möglich wurde dies durch die Nutzung des warmen Grubenwassers zur Bauteilaktivierung, in Heizleitungen zirkuliert das Wasser durch die Wände. Und auch bei diesem opaken Material schaffen SANAA eine gewisse Transparenz und vermeiden eine monotone Lochfassade. 134 Fenster in drei unterschiedlichen Größen verteilten die Architekten ungeordnet über die Außenwände, so dass die innere Gliederung nicht ablesbar ist und das Gebäude wie eine abstrakte Skulptur wirkt.
Aktuell planen SANAA zahlreiche weitere Großprojekte in Europa. Ein zweites Projekt wird in Deutschland auf dem Firmengelände der Vitra AG in Weil am Rhein entstehen, in Valencia/Spanien planen SANAA eine Erweiterung des Institute d ́Art Modern, in Lens/Frankreich eine Dependance des Louvre, in Porto/Portugal ein multifunktionales Gebäude für die Serralves Stiftung und in Paris/Frankreich sozialen Wohnungsbau. Darüber hinaus entsteht in Seoul/Korea eine Fabrik für Hyundai.

Geschichte

Kazuyo Sejima arbeitete nach ihrem Diplom zunächst bei Toyo Ito & Associates, bevor sie sich 1987 mit ihrem eigenen Büro Kazuyo Sejima & Associates selbstständig machte. Bereits fünf Jahre später wurde sie zur „jungen Architektin des Jahres" in Japan gekürt. Der zehn Jahre jüngere Ryue Nishizawa arbeitete zunächst als Angestellter in ihrem Büro. Als er sich 1995 ebenfalls selbstständig machen wollte, führte dies zur Gründung des gemeinsamen Büros SANAA. Beide Partner betreiben daneben weiterhin ihre eigenen Büros, in denen sie überwiegend Wohnhäuser in Japan planen.
Der mit 100.000 US-Dollar dotierte und von der Hyatt-Foundation gestiftete Pritzker Preis wird seit 1979 jährlich an einen noch lebenden Architekten für sein Gesamtwerk vergeben. Im vergangenen Jahr erhielt ihn der Schweizer Peter Zumthor für seine ebenfalls sehr klaren, reduzierten Bauten, die aber im Gegensatz zu den Projekten von SA- NAA, die entmaterialisiert erscheinen, stark von ihrer Materialität geprägt sind.
Kerstin Mindermann


Zurück