Die besten Bauwerke in/aus Deutschland

Ausstellung und Jahrbuch 2010/11 des DAM

fo_1101_die_besten_bauwerke_in_aus_deutschlandSeit dem Jahr 1980 bilanziert das Jahrbuch des Deutschen Architekturmuseums die besten Bauwerke des jeweiligen Jahres. Zum vierten Mal werden alle Bauten, die in das Jahrbuch aufgenommen wurden, zugleich bis 21. Mai 2011 auch in einer Ausstellung im frisch wiedereröffneten DAM in Frankfurt am Main präsentiert. Im Zentrum steht der Gewinner des DAM Preises für Architektur in Deutschland: Der Wiederaufbau des Neuen Museums, Museumsinsel Berlin. Der herausragende Bau von David Chipperfield Architects (Berlin) in Zusammenarbeit mit Julian Harrap (London) wurde eigens für das Jahrbuch durch die britische Fotografin Hélène Binet porträtiert.

Tendenzen aktueller Architektur in Deutschland

Haben die Debatten um die Rekonstruktion verlorener historischer Bauten in Deutschland eine neue Architekturtendenz ausgelöst? Grob überschlagen gut ein Drittel der Projekte im Jahrbuch zitiert historische Haltungen, teils mit etwas Augenzwinkern, teils mit größter Selbstverständlichkeit: Mit Charakteristika der Gründerzeitarchitektur bildet der Podiumsbau des OpernTurms in Frankfurt am Main eine neue Platzkante. Die Baukörper eines Museumsensembles auf der Insel Föhr zitieren traditionelle Typen wie Scheune und Herrenhaus. In Bad Tölz sind im Kurpark Stadtvillen entstanden, die keinesfalls durch eine harsche Architekturmoderne erschrecken. Eine Schule am Bodensee wiederum wurde ganz selbstverständlich durch einen neuen Flügel in der Figuration des Altbaus zu einer axialsymmetrischen Anlage ergänzt. Kehrt die traditionelle Architektursprache zurück?
Vollständig wird das Bild aber erst, wenn man den Blick auch darauf richtet, dass auch die späte Moderne zitiert und ergänzt wird: Markantes Motiv des Lesezeichens in Salbke sind Aluminiumformteile, die von einem Kaufhaus aus den 60er Jahren stammen. Am Altenhagener Weg in Hamburg wurde eine unspektakuläre Siedlung der 50er Jahren wegen ihrer spezifischen Qualitäten sehr bedachtsam saniert und ergänzt. In München schließlich sind die als Studentenwohnheim genutzten Bungalows der Olympischen Spiele von 1972 als technisch zeitgemäßer Typ in der Struktur des ursprünglichen Gesamtensembles neu errichtet worden.
So erscheinen die Projekte weniger als Ausdruck einer stilistischen „Retro"-Tendenz, denn als ein Bemühen der Architekten Kontinuität herzustellen. „Weiterbauen" im Sinne einer Architektur, die sich ihrer Vergangenheit und der Kraft des Bestandes bewusst ist, um daraus eine adäquate Antwort für das morgen zu finden, dürfte das latente Thema der aktuellen Architektur in Deutschland sein.

Architektur in Deutschland

Die Breite möglicher architektonischer Haltungen spiegelt sich in den beiden Verwaltungsbauten der Ausstellung wider. Der OpernTurm in Frankfurt am Main setzt im Hochhauscluster der Stadt als steinerner Turm einen neuen Akzent und schließt zudem mit seiner Sockelbebauung die verlorene Platzkante am Opernplatz. Fast schon einem unter vollen Segeln fahrenden Schiff dagegen gleicht die ETFE-Fassadenhülle der Unilever Hauptverwaltung, die in prominenter Lage in der Hamburger Hafen-City an der Elbe entstanden ist.
Zwei Bildungseinrichtungen finden sich in der Auswahl für das Jahrbuch: In einer kaum zu überbietenden Lage mit Blick auf den Bodensee hat der Schulbau des Klosters Hegne einen neuen Flügel erhalten, der im Sinn eines Weiterbauens die Figur des Bestandes vervollständigt. In der Mitte Berlins ist als größte deutsche Präsenzbibliothek das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität entstanden. Aus der konzeptionellen Strenge des Rasters entwickelt sich in dem Gebäude um den beeindruckenden zentralen Lesesaal herum ein Spiel des Durchscheinens und Durchblickens.
Stadtentwicklung durch einen „situativen Urbanismus" zu induzieren, war die entscheidende Intention beim Lesezeichen in Magdeburg-Salbke, das sowohl Treffpunkt, Ortsmitte und Konzertbühne ist. Ein kleinteiliges Ensemble moderner und regionaler Elemente bildet das neue Museum Kunst der Westküste in der kleinen Gemeinde Alkersum auf der Nordfriesischen Insel Föhr. Ein Stapel aus zwölf übereinander geschichteten und sich durchdringenden Giebelhäusern formt das VitraHaus in Weil am Rhein. Es ist ein neues architektonisches Signet im Kontext der exzeptionellen Architekturen auf dem dortigen Werksgelände.
Empfangsbauwerke für historische Anlagen sind in Dachau und Dresden entstanden. So unterschiedlich die jeweilige Aufgabenstellungen waren, gemeinsam ist beiden Projekten ihre unaufdringliche Präsenz im jeweiligen Kontext. Für die KZ-Gedenkstätte in Dachau ist ein Besucherzentrum entlang des Zugangsweges realisiert worden, das zurückhaltend aus der spezifischen Situation entwickelt wurde. Dem Residenzschloss Dresden wiederum fehlte ein Empfangsbereich für den enormen Besucherzustrom. Zu diesem Zweck wurde der Kleine Schlosshof mit einer flach über die Renaissancegiebel gespannten Kuppel überwölbt.
Der sicherlich provokativste Neubau der letzten Jahre in Berlin ist das Galeriehaus Brunnenstraße 9. Vorgefundene Bezüge und Teile der vormaligen Investorenruine als formale Gegebenheiten wurden aufgenommen; der Bau kultiviert eine raue Ästhetik des Veränderbaren und Unfertigen.
Wie wohnen? Die Beispiele in der Ausstellung dafür reichen vom Haus in Niederbayern bis zum Wohnen in Metropolen, von Maisonettbungalows im Maßstab XS für Studenten über die distinguierte Noblesse von Stadtvillen bis zu einem ebenso selbstverständlich und persönlich wirkenden Hotel.
Zwei Beispiele zeigen, wie Funktionsgebäude bewusst zeichenhaft über den reinen Zweckbau hinaus entwickelt wurden. Ein Einkaufsmarkt mit Kommissionierungsbetrieb in Berlin ist als eine signethafte Riesenpalette entstanden. In Mainz wurde ein rein technisches Betriebsgebäude – ein Hochwasserpumpwerk – bildhaft als schwerer Monolith auf einer Wasserader gestaltet.

Architektur International

Unter den Projekten deutscher Architekturbüros in anderen Ländern findet sich diesmal ein Beispiel eines umfassenden Kulturexports: In Seoul ist aus 28 Containern die „PLATOON Kunsthalle" entstanden – als Veranstaltungsort und die beste Möglichkeit, in Korea „Käs-Spätzle" zu essen.
Für eine möglichst breite Nutzung offen sein sollte der 193 x 31 Meter große „Platine" genannte Hallenbau, der für die Cité du design in Saint-Étienne, Frankreich, konzipiert wurde.
In einem nochmals größeren Maßstab bildet für Veranstaltungen und Feste die in den Qian Tang Fluss ragende Culture Wave City in der Neustadt von Hangzhou, China, eine multifunktionale Plattform. Einen dezidierten Ort in Form einer begehbaren Landmarke hat die bewaldete flache Auenlandschaft der Mur bei Gosdorf in Österreich durch den Murturm erhalten.



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