Nachklang

Beton.Kontexte 2.0 in Berlin

1802 fo nachklangMit großer Kraft zieht man am lamellierten Bügelgriff um die schwere Glastür zu öffnen. Von drinnen strömt einem sofort Wärme entgegen. Ein kleines Messingschälchen auf der Bar am Eingang blitzt unter dem Kronleuchter auf, der rote Teppich unter den Schuhen verlangsamt den Schritt. Alles atmet den Hauch von zeitloser Noblesse und anrüchiger Ästhetik. Der Saal ist in sphärischem Blau gehalten, Kerzen schmücken die schwarzen Holztische und auf der erhabenen Bühne steht allein, solide, verheißungsvoll: Ein Betonmischer.

Dieser Abend versprach schon nach den ersten Eindrücken etwas Besonderes zu werden. Im Januar 2018 lud das Forum Beton:Kontexte 2.0 Planer, Architekten, Künstler und Musiker ins alte Stummfilmkino „Delphi“ nach Berlin. Unter dem synästhetischen Motto „Dunkles Hören, Helles Sehen“ brachte SB5ÜNF Gründer Felix Richter für einen Abend lang nicht nur Schafende aus verschiedensten Kunstgattungen zusammen, sondern auch Grundüberzeugungen zu Beton und Betonbearbeitung durcheinander. War Ihnen bewusst, dass man auf Betonplatten verschiedenster Größe wunderbar Schlagzeug spielen kann? Oder dass ein Betonmischer, richtig bearbeitet, sich als Synthesizer eignet. Davon wurden die Gäste von Christian von Richthofen in einer atemberaubenden Präsentation überzeugt. Er schaffte es mit einer verausgabenden Klanginstallation, wobei er zwischen großfächigem, grobporigen und hauchdünnem Beton hin und her eilte, dazu abwechselnd sang, rappte und brüllte, sämtliche Gäste in seinen Bann zu ziehen. Nach dieser energiegeladene Show blieb selbst der einiges gewohnte Betonmischer auf der Bühne beeindruckt von sich selbst zurück. Auch die Musiker des Johannes Meyerhöfer Ensembles verzauberten ihre Zuhörer. Neue Musik, Free Jazz, Klaviersoli gepaart mit Betonpercussion, Beton:Kontexte 2.0 wurde ein Festival des interdisziplinären Umgangs mit dem Werkstoff. Ob als Lautsprecherbox, als Klanginstrument oder Liebesobjekt. Beton, so sollte man feststellen, ist mehr. In Hörspiel und Film zeigte der Videokünstler Jan Bolender, dass Beton selbst vor tiefen menschlichen Gefühlen nicht Halt macht. Die romantische Liebe zu Beton zieht sich mit zwinkerndem Auge durch seine Arbeiten. Auch sie waren an jenem Abend zu bestaunen. Beton ist Kunst, ist Klang, ist Baustoff. So stand es in den Publikationen, die für diesen Abend im Kinosaal auslagen. Schon die Wahl des Ortes für dieses alle Sinne ansprechende Forum war ein Meisterstück: Das „Delphi“, geplant von Julius Krost, eröfnete 1929 als eines der letzten Stummfilmkinos Deutschlands. Im Eingangsbereich des ehemaligen Kinos fühlt man sich zurückversetzt in diese Zeit, hineingezogen in eine wundersam anmutende Parallelwelt. Früher wurden hier Filme gezeigt, wie der legendäre „Das Cabinet des Dr. Caligari”, der in unmittelbarer Nachbarschaf gedreht wurde. Nach Verfall und aufwendiger Restaurierung ist es heute wieder eine der angesagten Locations in Berlin, in dem Konzerte, Tanzveranstaltungen und der Dreh der Serie Babylon Berlin stattfinden, wo Momente zelebriert werden, in denen Zeit und Raum neue Verbindungen eingehen, scheinbar Unpassendes zusammenkommt. Auch bei Beton:Kontexte 2.0 fühlte es sich so an, als seien Gegensätze Quellen produktiver Kraft. Felix Richter und die Mitarbeiter von SB5ünf begrüßten jeden ihrer Gäste persönlich und stellten mit Beton:Kontexte 2.0 eindrucksvoll unter Beweis, dass Arbeit an und mit Beton Spaß machen kann, ja Spaß machen muss. Das entspricht der Firmenphilosophie. Als Gründer von Betonretusche seit 2004 und seit 2016 mit SB5ÜNF setzen Felix Richter und sein Team darauf die Kommunikation mit und über Sichtbeton aufzubrechen. Das Unternehmen hat Erfahrung und das ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Es geht um nicht weniger als neue Strategien in Forschung und Materialentwicklung. Richter will den gesamten Bau- und Entstehungsprozess von Sichtbeton als optimierendes Unternehmen sowohl begleiten als auch unterstützen und damit nachhaltiger gestalten. Neuer Umgang mit dem Material und spannende Umfangsformen bringen Architekten, Bauherren, Baumeister und Rohbauern zusammen. So wie an jenem Abend, als in einem alten Stummfilmkino die Liebe zu Beton neu entfacht wurde. Ein wahrhaft gelungener Abend in Berlin – voll Poesie.

www.sb-5.de

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