Beton-Ikone

Der erste Hadid-Bau wird 20

fo_1303_beton-ikone

Das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid auf dem Vitra Campus feiert sein 20-jähriges Jubiläum. Das 1993 eröffnete erste Gebäude der irakischen Architektin mit seinem expressiven, dynamischen Ausdruck wurde schnell zu einer Ikone. Ursprünglich als Feuerwehrhaus genutzt, bietet das Bauwerk heute Raum für Ausstellungen und Events und ist nach wie vor ein Highlight zeitgenössischer Architektur auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein.

Am 20. Juli 1981 brach auf dem Produktionsgelände von Vitra morgens um 4 Uhr ein Feuer aus. Die durch einen Blitzschlag ausgelösten Flammen breiteten sich aufgrund des starken Windes schnell aus, beschädigten das Kühlsystem und führten zur Überhitzung der Maschinen. In nur einer Nacht wurde so über die Hälfte der Produktionsgebäude von Vitra in Weil am Rhein zerstört.

Einzigartige Bauwerke

Das Unglück erwies sich jedoch gleichzeitig als neue Chance für Vitra. Als Rolf Fehlbaum, Chairman von Vitra, vor der Wahl stand, anonyme vorfabrizierte Strukturen zu errichten oder architektonisch anspruchsvolle Gebäude zu erschaffen, entschied er sich für Letzteres. Fehlbaum engagierte den High-Tech-Architekten Nicholas Grimshaw, um die zerstörten Fabriken innert der von der Versicherung auferlegten Frist von sechs Monaten wieder aufzubauen und um einen neuen Masterplan für das Gelände zu erstellen. Seitdem wurde in enger Zusammenarbeit mit weltweit renommierten Architekten eine einzigartige Sammlung zeitgenössischer Gebäude auf dem Gelände errichtet. Da Vitra für jedes Bauvorhaben einen anderen Architekten beauftragte, verleihen heute gegensätzliche Architekturstile dem Vitra Campus Kontrast, Lebendigkeit und eine unverwechselbare Identität. Noch im Jahr des Grossbrands wurde eine Betriebsfeuerwehr gegründet. 35 freiwillige Feuerwehrleute, die sich unter den Angestellten von Vitra fanden, hielten wöchentliche Trainings ab und unterhielten die vier Feuerwehrautos und sonstige Geräte. Ein kleiner Holzschuppen diente als Basis dieser Feuerbrigade. Die Feuerwehrautos wurden über den Campus verteilt stationiert – auf lange Sicht gesehen eher eine Übergangslösung. Als entschieden werden musste, ob die alten Strukturen verbessert oder ein neues Feuerwehrhaus gebaut werden sollte, ergab sich die Möglichkeit, ein weiteres Experiment der modernen Architektur zu wagen. „Inspiriert von der Zusammenarbeit mit Frank Gehry beim Bau des Vitra Design Museums, waren wir bereit für ein neues Projekt“, so Rolf Fehlbaum. Die Wahl fiel auf Zaha Hadid – eine Entscheidung, die nicht nur überraschend, sondern auch mutig war, da Hadid bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen ihrer unkonventionellen Entwürfe tatsächlich umgesetzt hatte. Fehlbaum erklärt: „Ihre architektonischen Kompositionen bestachen alle durch Mobilität, Geschwindigkeit, Leistungsfähigkeit. Zaha war die perfekte Wahl für eine Feuerwache.“

Attraktiv, multifunktional und nachhaltig

Neben der effizienten Gewinnung erneuerbarer Energie liegt der Fokus des Wettbewerbs auf der architektonischen Ausgestaltung des Bauvorhabens. Gewünscht wird ein attraktiver Entwurf mit multifunktionalen Nutzungsmöglichkeiten, der Technik und die besonderen Qualitäten einer Landmark in Einklang bringt. Den Bewohnern als auch den Besuchern der Stadt Scheibbs soll damit ein Highlight mit ökonomisch-ökologischem Mehrwert geboten werden. Das könnte eine Besucherplattform sein, formuliert als Sekundärkonstruktion in Form einer Brücke oder einer Aussichtsterrasse über der Erlauf, oder ein Schaukraftwerk für Schulkinder. Den inhaltlichen Ideen sind keinerlei Grenzen gesetzt, vorausgesetzt das Motto „Erlebnis gelebte Nachhaltigkeit“ spiegelt sich in der vorgeschlagenen Lösung für die architektonische Gestaltung des Kleinkraftwerks unter Einbeziehung des Freiraums wider. Das neue Kraftwerk soll den bewussten Umgang mit Österreichs wertvollen und natürlichen Ressourcen deutlich sichtbar machen. So sind die Einplanung von Laichzeiten ebenso unumgänglich, wie das Einkalkulieren von Hochwasser während der Bauzeit. Um den ökologischen Zustand und den natürlichen Fischbestand von Gewässern zu schützen, ist auch der Einsatz von Fischaufstiegshilfen einzuplanen. Zu den wichtigsten Kriterien zählen die architektonische Idee, die Gestaltungs- qualität, der visuelle Gesamteindruck, die naturnahe Einbindung in ein sensibles Gebiet sowie die technischen Aspekte. Das sind insbesondere die wasserbaulichen und energiewasserwirtschaftlichen Gesichtspunkte wie hydraulische und betriebliche Funktionalität sowie Durchführbarkeit. Zu beachten sind eine Reihe von nachhaltigen Faktoren wie Umwelt, Sicherheit, Wartung und Erhaltung. Auch die Kosten-Nutzen-Relation bei der Errichtung und die Wirtschaftlichkeit beim Betrieb des Kraftwerkes dürfen nicht außer Acht gelassen werden, ebenso wie die Attraktivität aus Sicht des Nutzers und der Anrainer.

Initialwerk von Zaha Hadid

Die aus dem Irak stammende und in London lebende Architektin Zaha Hadid studierte unter anderem mit Rem Koolhaas und wurde später selbst Professorin für Architektur. Ihre radikalen, dekonstruktivistischen Arbeiten, die sie über ihre Gemälde entwickelte, wurden schnell bekannt und brachten ihr Anerkennung seitens der Architekturkritiker ein. Dennoch existierten ihre Gebäude lange nur auf Papier: Zu gewagt war der Stil ihrer frei fließenden Räume und strukturell zu schwierig. Mit Spannung warteten Architekten und Kritiker beinahe 20 Jahre auf eine erste Probe ihrer Arbeit. Als das Feuerwehrhaus im Jahr 1993 endlich eröffnet wurde, war Zaha Hadid 43 Jahre alt. Ein spätes Debüt, aber eines, das schließlich alle Erwartungen erfüllte. Das Feuerwehrhaus wurde schnell zu einem Symbol und zum Wendepunkt ihrer Karriere. Elf Jahre später erhielt sie den renommierten Pritzker-Preis – den Nobelpreis der Architektur. Wie eine „erstarrte Explosion“ hängen die spitzwinkligen, skulpturalen Formen des Feuerwehrhauses in einem Zustand zwischen Spannung und Wachsamkeit. An Ort und Stelle gegossen ist es eine Komposition von Betonflächen, die sich gemäß den konzeptionellen dynamischen Kräften, die Landschaft und Architektur miteinander verbinden, biegen, neigen und brechen. Alle Linien treffen sich in der Mitte des Gebäudes, wo sich gleichzeitig der Eingang zur Feuerwache befindet. Von hier aus teilt sich das Gebäude in zwei Teile auf. Zur Rechten befindet sich die große Garage, in der die Feuerwehrautos hintereinander geparkt Platz finden, und – von unten beleuchtet – eine theatralische Präsenz erhalten. Die zwei Wände des Gebäudes bilden einen offenen Raum, wobei beide Seiten mit motorisierten Schiebetüren komplett geöffnet werden können. Eine Seite ist vollständig verglast. Das Dach ragt scheinbar schwerelos über den offenen Raum hinaus. Links vom Eingang öffnet sich ein zweistöckiger Flügel. Umkleideräume und Duschen sind ganz im Sinne einer offenen Planung nur durch einen großen stählernen Raumteiler visuell voneinander getrennt. Dieser facettierte Monolith, in dem sich die Spinde der Feuerwehrleute befinden, wurde von Richard Serra inspiriert. Die zweite Etage mit einer Küche und dem Zugang zur Dachterrasse wirkt im Verhältnis zum Erdgeschoss wie aus dem Gleichgewicht geraten, was ein Gefühl räumlicher Instabilität erzeugt. Da die Ebenen förmlich aneinander vorbeigleiten, unterliegen Besucher optischen Täuschungen. „Als das Gebäude endlich fertig war, war uns klar, dass wir etwas Wichtiges erschaffen hatten. Das Feuerwehrhaus ermöglichte ganz neue Raumeindrücke“, erinnert sich Rolf Fehlbaum. „Zu der Zeit war es wahrscheinlich die aufregendste Feuerwache der Welt und sie funktionierte prima.“ Nach einigen Jahren fasste Vitra den Entschluss, die Verantwortlichkeit der halbprofessionellen Werksfeuerwehr der erfahreneren öffentlichen Feuerwehr zu übertragen. Daher wurde auf dem Gelände keine Feuerwehr mehr benötigt. Heute, 20 Jahre später, wird das Gebäude für Ausstellungen und Events genutzt und ist weiterhin eines der Highlights auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein




Zurück
0
0
0
s2sdefault